Grund98

Posted On 18. April 2016 By In Einsätze, featured With 2148 Views

110 Gründe, Polizist zu sein: »Weil Polizisten für Stripper gehalten werden«

Grund 98

Weil Polizisten für Stripper gehalten werden

Auch dieser Punkt steht unverkennbar im direkten Zusammenhang mit dem Tragen der Polizeiuniform. Als »Partyschreck« sind wir in den Nachtdiensten auf vielen Feierlichkeiten zu Gast. Die Einladungen dazu bekommen wir meist von Anwohnern, denen die Fete nebenan dann doch ein bisschen zu laut ist.

ANN-KATHRIN RICHTER und HENAllerdings werden wir nicht immer direkt als die »Partycrasher« wahrgenommen. Vielmehr sieht man in unserem Erscheinen manchmal das genaue Gegenteil, nämlich den »heißen Teil« der Party. So werden die kleinen Gags aus den Comedyshows auch schon für Kommissaranwärter in den ersten Praktika ein Stück weit zur Realität.

In dieser Nacht waren wir zu dritt unterwegs. Mein Kollege und ich hatten einen Auszubildenden mit an Bord. Voller Vorfreude und unwissend, was ihm in wenigen Minuten widerfahren würde, nahm er den ersten Einsatz der Schicht entgegen.

»14/31, für euch geht es zu einer Ruhestörung auf einem Reiterhof. Dort wird wohl ausgelassen gefeiert.«

Schon aus weiter Ferne war die Partymusik vom Reiterhof zu hören. Im Streifenwagen bat der Praktikant darum, den Einsatz selbst bewältigen zu dürfen. Wir ließen ihm gerne freie Hand, zumindest solange seine Hände noch »frei« waren. Das Polizeiauto hatten wir an der Zufahrt abgestellt und uns zu Fuß der Partyscheune

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Ann-Kathrin Richter und Henry Haack 110 GRÜNDE, POLIZIST ZU SEIN Eine Hommage an den schönsten Beruf der Welt 288 Seiten | Taschenbuch ISBN 978-3-86265-385-0 9,99 EUR (D) Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2016 www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

genähert. Beherzt schoben wir die Eingangstür auf. Und da standen wir, drei Polizisten, vor knapp 40 ausgelassen feiernden Mädels. Noch bevor wir reagieren konnten, wurde unser Praktikant in die Menge gezogen und von allen Seiten umringt. Neben lautem Geschrei und freudigem Gequietsche wurde der Stripper in Polizeiuniform mit den Worten »Guckt mal da! Die Polizei mit ihren harten Stöcken ist da, um uns zu versohlen. Waren wir so böse?« begrüßt.

Mit Mühe und Not konnten wir uns zu unserem Praktikanten durchkämpfen. Sein Hemd war schon komplett aufgeknöpft, und eine Frau hatte sich mit ihren Plüschhandfesseln schon an ihn gekettet:

»Verhaftet mich. Ich war unartig.«

»Ich glaube, die hier ist die Verantwortliche«, grinste der Prakti.

»Ich wurde noch nie von so vielen Frauen angefasst. Das fühlte sich an, als wollten die einen zerreißen.«

Es dauerte zwar ein bisschen, aber nach einigen Minuten realisierte die Dame, dass sie sich mit rosa Handschellen an einen richtigen Polizisten gefesselt hatte. Sichtlich peinlich berührt, vergewisserte sie sich aber noch einmal.

»Sie sind wirklich Polizisten und keine Stripper, oder?«

»Ja, obwohl uns Ihr Empfang natürlich gefallen hat. Allerdings können wir uns weder ausziehen, noch werden wir Sie jetzt verhaften. Nur wenn Sie die Musik nicht leiser machen, müssen wir über die Handfesseln wohl noch mal nachdenken. Allerdings ohne Plüschbezug.«

»Oh nein. Wie peinlich! Entschuldigen Sie. Aber ich dachte echt …«

»Kein Problem. Wir freuen uns, freudig empfangen zu werden. Ich hoffe, Sie haben den Schlüssel für Ihren Handschmuck dabei?«

»Ähm ja, in meinem BH …«

Jetzt konnten auch wir uns ein Lachen nicht mehr verkneifen. Diese Party würde die junge Dame wohl nicht mehr so schnell vergessen. Nachdem sich unser »strippender Kollege« wieder befreit hatte und die Lautstärke der Musik reguliert worden war, begegneten uns draußen dann tatsächlich noch zwei »Handwerker«, die auf dem Weg zur Partyscheune waren.

»Jungs, wir waren schneller!«

Denken Sie dran, nicht überall, wo Polizei draufsteht, ist auch ein Stripper drin.

 

(Grund 98, S. 235, 110 Gründe, Polizist zu sein, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)

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Ich bin Polizeibeamter in einem schönen Bundesland hier in Deutschland und habe mein Studium bei der Polizei wenigen Jahren erfolgreich abgeschlossen. Seitdem bin ich im Wach-und Wechseldienst (auch bekannt als Streifendienst) für die teilweise kuriosen Anliegen der Mitbürger da :) Vielleicht noch kurz zu der Entstehung meines "seltsamen" Nicknames: Bei dem Ausfüllen eines Formulars im Dienst ist mir ein folgeschwerer Rechtschreibfehler unterlaufen. Anstatt im Mängelzettel den defekten "Peiker" (unser Mikrofon im Streifenwagen sozusagen), hatte ich "Piker" geschrieben. Nachdem dieser Zettel von ein paar Kollegen entdeckt worden war, hatte sich der Fehler innerhalb kürzester Zeit wie ein Lauffeuer in der ganzen Wache verbreitet. Seitdem werde ich von vielen Kollegen nur noch mit meinem neuen Namen - "Piker" - angesprochen.