Posted On 17. August 2014 By In Beiträge Janina, featured With 5345 Views

Seelsorge am Flughafen

Ich habe mich für den Titel „Seelsorge am Flughafen“ entschieden, doch genauso gut könnte ich den Artikel „Einmal Polizistin gespielt“ nennen. Oder „Mitmenschlichkeit“. An diesem besagten Abend in Frankfurt habe ich einerseits etwas gemacht, was üblicherweise als Aufgabe der Polizei angesehen wird, andererseits aber genauso selbstverständlich von normalen Mitbürgern gemacht werden könnte und in meinen Augen auch sollte.

Zusammen mit meinem Freund war ich gerade am Frankfurter Flughafen gelandet und wir schritten quer durch die Eingangshalle in Richtung des Ausgangs. Es war 21 Uhr und damit, dem Nachtflugverbot geschuldet, beänstigend ruhig und leer in den riesigen Hallen des Flughafens.

Plötzlich schmiss eine junge Frau wütend ihr Handy quer über einen Gang und rutschte hysterisch weinend an der Wand herab. Eine ältere Frau vor uns ging weiter. Ich hob das Handy auf, es befand sich nur noch drei Schritte vor mir. Es handelte sich um ein weißes Apple Smartphone. Ich drückte die Tastensperre und ging zu der jungen Frau hin.

Mein Begleiter, erfahren genug zu wissen, dass hier ein Zwiegespräch von Nöten war, hielt sich mit einigen Metern Abstand im Hintergrund.

Vorsichtig näherte ich mich auf den letzten Metern, hockte mich hin und fragte nach, was los war und wie ich helfen könnte. Die Frau schluchzte weiter. Ich hockte mich neben sie und redete in ruhigem Ton weiter, hin und wieder stellte ich ihr noch einfache Fragen. Ich drückte ihr eine Packung Taschentücher in die Hand und legte ihr Handy zwischen uns beide auf den Boden. Irgendwann kam ich auf den Trichter, es mit Englisch zu versuchen und ich bekam erste bruchstückhafte Antworten.

Zwei Bundespolizisten kamen des Weges, was am Frankfurter Flughafen wirklich keine Seltenheit ist. Ich suchte Blickkontakt und deutete an, dass ich Unterstützung gebrauchen könnte. Der Jüngere der beiden kniete sich zu uns. Ich schilderte ihm kurz die Sachlage. Er sprach die Frau an und wechselte, nach einem kurzen Hinweis von mir, auf’s Englische. Sie weinte weiter, antwortete jedoch kurz, dass sie weder etwas zu Trinken noch eine Unterkunft bräuchte.

Er sah so ein wenig hilflos aus, wie er nun vor der Frau hockte, sie auf seine Fragen gar nicht wirklich eingehen mochte und er mich nun anblickte. Er fragte mich, ob ich aus der Gegend sei und da ich bereits wusste, worauf er hinaus wollte, antwortete ich, dass es gar kein Problem wäre, mich noch länger um die junge Frau zu kümmern. So einigten wir uns darauf, dass die beiden Polizisten weiter ziehen und in 15 Minuten nochmal nach der jungen Frau sehen würden. Ich hätte so lange ein Auge auf sie.

Der junge Polizist entfernte sich und ich sprach weiter leise mit der jungen Frau. Dass er im Hintergrund noch mit meinem Begleiter sprach, bekam ich überhaupt nicht mit und erst im Nachhinein berichtet.

Die junge Frau, gerade einmal 22, war mit ihrem Freund in Urlaub gewesen. Sie stammte aus Russland und ihr Rückflug würde morgen gehen. Ihr Freund hatte sie nun schon zum zweiten Mal an einem fremden Flughafen einfach sitzen gelassen. Ihr Handy, das sie kurz in einer Schrecksekunde vermisste, aber dann zwischen uns liegen sah, hatte sie wütend weggeworfen, weil sich weder ihr Freund noch sein Bruder telefonisch erreichen ließen. Kurzum, sie war stink sauer und bitter enttäuscht.

Auf ihre Aussagen, „I wanna smash him“ konnte ich ihr da nur zustimmen. Ich sprach ihr Mut zu, dass sie morgen wieder zu ihrer Familie und ihren Freunden käme und dann wieder Ruhe einkehren würde. Moralpredigten, was sie mit einem solchen Freund anfing, würde sie von ihrer Familie zur Genüge hören, das wäre in diesem Moment fehl am Platze gewesen.

Langsam beruhigte sie sich. Sie wollte sich ein Hotelzimmer nehmen, Geld hatte sie genug dabei. Ich erklärte ihr, dass sie jederzeit auf die Menschen hier, auch die Polizisten, zu gehen und um Hilfe bitten könnte. Ob sie so aussähe, als ob sie sich kein Hotel leisten könnte, fragte sie mich. Nein, antwortete ich. Menschen, die weinen, fragen nicht um Hilfe.

Ich erzählte ihr Kleinigkeiten, um sie aufzumuntern. Wo ich gerade her kam, dass meine Mutter ein wenig Russisch sprechen könnte, aber ich als Kind mit den kyrillischen Buchstaben überfordert gewesen war. Wir redeten kurz darüber, dass ich gerne mal Russland besuchen würde, aber es politisch gerade ungünstig war und die Medien die Russen als die Bösen hinstellten. Wir waren uns einig, den Medien war nicht zu trauen.

Schließlich hatte sie sich beruhigt und wollte nun etwas Ruhe für sich. Das konnte ich verstehen, doch auf meinen Wunsch hin erhob sie sich wenigstens vom kalten Steinboden und setzte sich auf eine nahe Sitzbank. Sie konnte bereits wieder ein wenig lächeln und bedankte sich für meine Hilfe.

Zum Abschied wollte sie mir die Packung Taschentücher zurück geben, da sie eigene hatte. Ich erklärte ihr, dass sie die behalten sollte. In Deutschland würden wir Kindern beibringen, Polizeiautos machten „Tatütata“ und auf den Taschentüchern stand „Tatü“, weshalb ich sie so lustig fand. Daraufhin musste sie lachen.

Und so trennten sich unsere Wege. Sie konnte wieder lächeln. Und ich konnte lächeln, weil ich helfen konnte. So einfach war das.

Bildquelle: blu-news.org

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About

Ich bin Polizeikommissaranwärterin, also Polizeibeamtin noch in der Ausbildung, im schönen Hessen. Das Schreiben über Erlebtes hilft mir, das Erlebte zu verarbeiten. Gleichzeitig kann ich euch so einen Einblick in den Alltag derer geben, die in den blau-silbernen Autos zu Unfällen fahren. Die erste Zeit werde ich viel über das Eignungsauswahlverfahren (EAV) und die Ausbildung schreiben. Doch auch Alltagsgeschehen werden sich hier wieder finden, denn auch im normalen Alltag kann man helfen und eingreifen, ganz ohne besondere Ausrüstung oder Kenntnisse. Dieses Helfen ist mein wichtigstes Anliegen und ich möchte die Erfahrungen weiter tragen, dass jeder und jede helfen kann.