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Posted On 7. September 2013 By In Einsätze von Piker With 2981 Views

Trauriges Schicksal…

Bisher ging es in meinen Berichten ja eher lustig zu, doch leider gehören regelmäßig auch traurige Einsätze zu meinem beruflichen Alltag. So auch in diesem Fall:

Zur Vorgeschichte:
Seit knapp einem Jahr beschäftigt uns wöchentlich eine ältere Dame, welche, seit dem Tod des bis dato bei ihr lebenden Sohnes, vollkommen auf sich allein gestellt in einem Einfamilienhaus wohnt.  Ihre weiteren Kinder wissen zwar um ihr Schicksal, doch kümmern tut es sie wenig. Bis auf unzählige Berichte an die zuständigen Stellen, sind uns bisher in diesem Fall leider die Hände gebunden.

Im aktuellen Einsatz war es leider wieder soweit:
„Einsatz für euch; eine hilflose Person, die in fremden Gärten rumläuft und behauptet, dort zu wohnen.“
Uns war sofort klar, um wen es sich dabei handeln musste – Frau Frühling hatte wahrscheinlich wieder einen schlechten Tag.

Wie vermutet, hielt sich Frau Frühling in einem fremden Garten auf und behauptete felsenfest, dort zu wohnen. Jegliches Zureden hatte keinen Erfolg. So versuchten meine Kollegin und ich, die ältere Dame unter den Armen aus dem Garten zu ihrem Haus zu tragen. Doch diese wehrte sich nach Leibeskräften mit mehreren Beiß- und Schlagversuchen. Auch ihre Gehhilfe ließ sie dabei nicht unbenutzt. Schließlich konnte man sie überzeugen, doch im Eingang ihres Hauses auf ihren bereits vor drei Jahrzenten verstorbenen Vater zu warten. „Wenn der mitbekommt, dass das Mittagessen nicht auf dem Tisch steht, dann gibt es hier aber kasalla!“

Während meine Kollegin sich dankeswerterweise um die Dame kümmerte, konnte ich mich ein bisschen im Haus umsehen. Es war erschreckend. Überall roch es nach Fäkalien und Dreck. Der Geruchseindruck wurde leider auch durch die visuelle Wahrnehmung bestätigt. Es gab keinen Raum, der auch nur ansatzweise sauber gewesen wäre.

So traurig und grotesk die Situation auch war, Frau Frühling brachte uns mit ihren unvorhersehbaren Aktionen doch einige Male zum Lachen. So gab ihr Telefon, welches seit geraumer Zeit bereits schon nicht mehr angeschlossen war, einen Laut von sich und so nahm sie, nach kurzer Betrachtung, zielgerichtet den neben dem Telefon liegenden Kamm ans Ohr: „Hallo, wer ist dort? Vater bist du es?“ Ein paar Minuten später nahm sie dann den Hörer ihres Telefons ans Ohr und lauschte. Dabei blickte sie mich verständnislos an. „Entschuldigung, können Sie mal hören, welcher Radiosender das ist?“

Auf unserer Wache waren aufgrund der zahlenreichen Einsätze inzwischen alle Nummern von Angehörigen und des Pflegedienstes hinterlegt. So konnten wir nach einer halben Stunde die gute Dame in die Obhut einer Mitarbeiterin des örtlichen Pflegedienstes geben. Auch diese schien angesichts der aussichtslosen Situation resignierend.

Trotz bereits unzähliger Berichte und Gespräche mit den Kindern der Dame blieb uns auch dieses Mal nichts anderes übrig, als einen Bericht in der Hoffnung zu schreiben, dass sich vielleicht doch endlich mal etwas ändert.

Der fade Beigeschmack, dass wir höchstwahrscheinlich in den nächsten Wochen wieder dort sein werden und sich nichts geändert hat, bleibt. Es ist schon traurig mit anzusehen, unter welchen Bedingungen manche älteren Leute leben müssen..

Ich bin Polizeibeamter in einem schönen Bundesland hier in Deutschland und habe mein Studium bei der Polizei wenigen Jahren erfolgreich abgeschlossen. Seitdem bin ich im Wach-und Wechseldienst (auch bekannt als Streifendienst) für die teilweise kuriosen Anliegen der Mitbürger da :) Vielleicht noch kurz zu der Entstehung meines "seltsamen" Nicknames: Bei dem Ausfüllen eines Formulars im Dienst ist mir ein folgeschwerer Rechtschreibfehler unterlaufen. Anstatt im Mängelzettel den defekten "Peiker" (unser Mikrofon im Streifenwagen sozusagen), hatte ich "Piker" geschrieben. Nachdem dieser Zettel von ein paar Kollegen entdeckt worden war, hatte sich der Fehler innerhalb kürzester Zeit wie ein Lauffeuer in der ganzen Wache verbreitet. Seitdem werde ich von vielen Kollegen nur noch mit meinem neuen Namen - "Piker" - angesprochen.