achtung_betrunken

Posted On 15. August 2013 By In Einsätze von Piker With 2534 Views

Aber voll da bin ich toll!

Zu erwarten war für mich, zuständig für das Gewahrsam (also unsere Zellen und deren Insassen) im Nachtdienst von Montag auf Dienstag, eigentlich nichts besonderes. Bis jetzt waren die Zellen leer und ich vertrieb mir die Zeit mit dem Fertigen von ein paar noch offenen Ordnungs-widrigkeitenanzeigen.

„Entschuldigung, mir helfen, bitte. Taxi.“
„Ja, was sollen wir ihnen helfen?“

Ein etwas älterer Herr, offenbar Taxifahrer, hatte gegen 01.00 Uhr die Wache betreten.

„Mann, betrunken in meine Taxi.“
„Ich komm raus, Moment“

Draußen erwartete mich allerdings eine betrunkene Tragödie. Ein koordinativ größtenteils außer Gefecht gesetzter Mann, mit heruntergelassener kurzer Hose, einer 1-Liter-Dose des guten Bieres „FAXE“ (welche bereits langsam aber sicher über den Boden in Richtung Straßenkreuzung rollte) und einigen vollgestopften Plastiktüten.

„Hallloooooooo, isch bin auch schon hier…“
„Hallo guter Mann, ich bin Lukas und du?“
„Ich bin der Markuuuuus“
„Gut Markus und wo wohnst du?“
„Hier irgendwo…“

Nach einem kleinen Gespräch war der Herr bereit, uns zumindest seinen Ausweis zu geben bzw. aus seiner Tasche zu holen. Allerdings nicht, ohne dabei steif wie ein Brett und ohne jegliche Abfangbewegung nach vorne umzukippen.

Tipp des Kollegen: Mindestens 2 Promille.

„Ey, ich brauchen Geld! 45 Euro“, meldete sich nun auch der Taxifahrer wieder zu Wort.

Mit dem Aushändigen der Personalien und dem Hinweis auf den Zivilrechtsweg gab er sich zufrieden und zog von dannen.

Die nächsten Minuten versuchten wir vergeblich Angehörige des Mannes mittleren Alters zu erreichen. Plötzlich hatte dieser allerdings keine Lust mehr zu warten und entschied sich stattdessen, schwankend vor den Türrahmen zu laufen und den Ausgang zu suchen. Zusammen mit einem Kollegen bekamen wir ihn Eingangsbereich der Wache zu fassen. Doch anstatt sich helfen zu lassen, beschloss der nette Herr lieber, den Weg der Selbstjustiz zu beschreiten und uns mit einem größeren Mülleimer bzw. Aschenbecher zu schlagen. – Leider war dieser im Boden verankert. – Zeit für einen weiteren Ausbruchversuch..

„Isch hab kenen Bock mehr hier zu warten…isch gäh jetzt…“

Nach ein paar weiteren Versuchen uns mit seiner Faust zu erreichen, fiel er allerdings rückwärts über seine eigenen Beine und fand sich gefesselt auf dem Boden wieder.

Jetzt hatten wir leider keine andere Wahl, als dem Herrn ein Hotelzimmer in unserem Keller anzubieten.

Der Weg dorthin gestalte sich schwieriger als gedacht. In jede erdenkliche Tür wollte man Abbiegen, jeden Ansprechen und zwischendurch auch einfach mal frontal vor eine Wand laufen.

In der Zelle angekommen, ergab ein Atemalkoholtest einen Wert von über 2,5 Promille. Man konnte ihm also nicht wirklich Böse sein.

Nach kurzem Überlegen schien die Zelle allerdings doch nicht ganz so gut zu gefallen, weshalb man doch lieber versuchte, heraus-zukommen.

„Das ist nicht fair, ich will nach Hause! Ich muss morgen arbeiten…Ihr seit böse!“

10 Sekunden später durchbohrte mich ein glasiger Blick. „Du bist ein ganz Süßer.“ Mit diesen Worten wendete er sich meinem Kollegen zu: „Sie aber auch..“ Damit ging er wortlos zurück in die Zelle.

Die nächsten 30 Minuten verliefen, bis auf ein aktives Sägewerk in der Zelle, ruhig.

Gegen 02:00 Uhr hatte man augenscheinlich ausgeschlafen und konnte damit beginnen, sich in der Zelle komplett auszuziehen und der gesamten Zelle zu einer neuen Lackierung mit Eigenurin zu verhelfen. Dies schlug sich auch, nicht nur Geruchsmäßig, im Zellentrack nieder. Nun gut, wer es mag 😉

Ab 06:00 Uhr sei es nun, nach Auskunft des Gastes, endlich Zeit, ihn herauszulassen. Er sei schließlich nicht mehr betrunken und wisse auch gar nicht, warum er überhaupt eingesperrt sei.

„Das kann ich Ihnen sagen. Sie waren total betrunken und haben versucht, den Kollegen und mich mit einem Aschenbecher zu schlagen.“
„Was? Ach du Schei**! Machen sie die Tür wieder zu.“
Mit einer wegwischenden Handbewegung drehte er sich wortlos in Richtung Zellenecke um. Die Frage, ob er raus dürfe, schien für Ihn endgültig beantwortet.

Mal wieder ein Fall nach dem Motto „Aber voll da bin ich toll…..“

Bildquelle: www.artflakes.com

Ich bin Polizeibeamter in einem schönen Bundesland hier in Deutschland und habe mein Studium bei der Polizei wenigen Jahren erfolgreich abgeschlossen. Seitdem bin ich im Wach-und Wechseldienst (auch bekannt als Streifendienst) für die teilweise kuriosen Anliegen der Mitbürger da :) Vielleicht noch kurz zu der Entstehung meines "seltsamen" Nicknames: Bei dem Ausfüllen eines Formulars im Dienst ist mir ein folgeschwerer Rechtschreibfehler unterlaufen. Anstatt im Mängelzettel den defekten "Peiker" (unser Mikrofon im Streifenwagen sozusagen), hatte ich "Piker" geschrieben. Nachdem dieser Zettel von ein paar Kollegen entdeckt worden war, hatte sich der Fehler innerhalb kürzester Zeit wie ein Lauffeuer in der ganzen Wache verbreitet. Seitdem werde ich von vielen Kollegen nur noch mit meinem neuen Namen - "Piker" - angesprochen.