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Posted On 13. Mai 2013 By In Einsätze von Piker With 57762 Views

Die Notrufindianerin

Kurz nach Dienstbeginn: „Schlägerei Weststraße 1“

Nach einer Blaulichtfahrt und vollkommen überforderten Verkehrsteilnehmen (allein die Reaktionen wären schon eine Geschichte für sich 😀 ), stellte sich am Einsatzort heraus, dass eine als Indianerin mit Kriegsbemalung verkleidete Frau versuchte hatte, beim Melder in die Wohnung zu gelangen. Die Situation hatte sich bereits geklärt, die Dame war polizeilich bekannt, für uns der Einsatz also abgeschlossen. Vorerst zu mindestens, wie sich im Verlauf der Nacht herausstellen sollte…

… 00:05 Uhr …

Funkspruch der Leitstelle: „Beethovenstraße 1, von dort wählt eine Frau seit einer halben Stunde immer wieder unsere kostenlose „Sorgen-Hotline„. Sie gibt an, mit ihrem Kind nicht zu Recht zu kommen.“

Zwei Kollegen machten sich kurz darauf auf den Weg und kümmerten sich um das Anliegen der Frau. Es war allerdings nicht irgendeine Frau, es war die Indianerin..

Ca. eine Stunde nach diesem Einsatz nahm eine nicht enden wollende Suche seinen Lauf. Und nach wem? – Genau, nach der Indianerin. Sie hatte wieder die 110 gewählt und  mitgeteilt, dass sie ihrem Sohn und sich etwas antun würde. Höchste Zeit zu reagieren! Allerdings befand sich die Indianerin bereits auf dem Kriegspfad und war nicht mehr in ihrem Wigwam anzutreffen.
Folge: Eine groß angelegte Suchaktion über Stock und Stein, Feld und Wiesen, die ganze Nacht. Hubschrauber, Suchhund, alles. Auch eine Handyortung brachte nicht den gewünschten Erfolg. Sie und ihr Kind waren nicht zu finden.

Damit sollte die Geschichte aber nicht abgeschlossen sein. Es dauerte gerade einmal 4 Tage, bis ich die nette, nach altem Whisky riechende, kriegführende Dame wieder besuchen durfte. Zusammen mit einem Kollegen berat ich eine total vermüllte und heruntergekommene Wohnung. Es gab kaum Licht, überall Stand dreckiges Geschirr, leere Alkoholflaschen an jeder erdenklichen Stelle und das Bett war eine Matratze im „Wohnzimmer“ (sofern man es noch so nennen darf). Ihr Kind wurde inzwischen, scheinbar nicht ohne Grund, vom Jugendamt aus der Wohnung geholt und in einem Heim untergebracht.

Ihr einziges Anliegen: Sie wollte ihre Sohn zurück und sich über das Vorgehen des Jugendamtes beschweren. Allerdings nicht bei uns. Sie wollte sich bei etwas höherem als dem zuständigen Richter beschweren, bei der Bundeskanzlerin. Diesen Wunsch versuchten wir ihr natürlich umgehend zu erfüllen und kontaktierten noch in dieser Nacht das Bundeskanzleramt. 😀 Mit leichtem Lächeln auf dem Gesicht konnten wir uns mit ihr darauf einigen, sich auf ihre Matratze, Entschuldigung, Bett zu legen und sich am nächsten Tag zu beschweren.

Ich bin Polizeibeamter in einem schönen Bundesland hier in Deutschland und habe mein Studium bei der Polizei wenigen Jahren erfolgreich abgeschlossen. Seitdem bin ich im Wach-und Wechseldienst (auch bekannt als Streifendienst) für die teilweise kuriosen Anliegen der Mitbürger da :) Vielleicht noch kurz zu der Entstehung meines "seltsamen" Nicknames: Bei dem Ausfüllen eines Formulars im Dienst ist mir ein folgeschwerer Rechtschreibfehler unterlaufen. Anstatt im Mängelzettel den defekten "Peiker" (unser Mikrofon im Streifenwagen sozusagen), hatte ich "Piker" geschrieben. Nachdem dieser Zettel von ein paar Kollegen entdeckt worden war, hatte sich der Fehler innerhalb kürzester Zeit wie ein Lauffeuer in der ganzen Wache verbreitet. Seitdem werde ich von vielen Kollegen nur noch mit meinem neuen Namen - "Piker" - angesprochen.