Posted On 29. August 2013 By In Einsätze von Piker With 4910 Views

Der betrunkene graue Star im Nachtflug

Eine Arbeitswoche mit sieben Schichten in Folge war vorbei und so genoss man den Abend, nach ein paar Renovierungsarbeiten, eher gemütlich. Gegen 00:15 Uhr machte ich mich im standesgemäßen „Gammel-Outfit“ (dreckiger Pullover und Jogginghose) auf den Weg nach Hause.
Wen sollte ich unter der Woche nachts schon treffen? Mich sieht echt keiner…

Falsch gedacht! Da hatte ich die Rechnung wortwörtlich ohne den Wirt gemacht. Denn genau dieser beschloss sich vor mir durch die kleine beschauliche Ortschaft zu schlängeln.

An einer roten Ampel vor einer scharfen Rechtskurve hielt ich -nichtsahnend- hinter einem älteren Mercedes. Die Ampel wurde grün und wie in Trance trat ich langsam auf das Gaspedal. „Ach du sch..“ ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Mein Vordermann hatte augenschlich entweder schlechte Augen, konnte wohl noch nicht mal dreiradfahren oder war schlichtweg betrunken. Er hatte es geschafft die 90°-Kurve fast ohne Einlenken und mit einer leichten Berührung des gegenüberliegnenden Bordsteins zu meistern. Wäre da nicht diese Krümmung gewesen. Behutsam begann er mit 10 km/h die gesamte Straßenbreite auf den nächsten Metern zu vermessen. Wo hatte ich nur mein Handy? – Nein! Natürlich. Im Rucksack. Und dieser war – natürlich – im Kofferraum.

Nachdem ich an der nächsten Möglichkeit rangefahren, mein Handy ganz unten aus dem Rucksack geholt hatte und – zugegebnen – mit leicht überhöhter Geschwindigkeit, dem Trunkenbolt hinterhergefahren war, hatte der scheinbar dem Alkohl nicht abgeneigte Herr es für gut befunden den mittig mit Büschen bepflanzten Kreisverkehr ohne jegliche Lenkbewegung zu durchfahren. Respekt!

Während des Gespräches mit der Leitstelle ging die Fahrt weiter auf eine relativ stark abschüssige Landstraße, welche er mit bravur ohne Zusammenstoß mit einem Baum oder dem Gegenverkehr meisterte. Ich folgte in einigem Abstand. Letztenendes schien der Biervorrat zu Neige zu gehen, weshalb man an der nächsten Tankstelle für Nachschub sorgen musste. Das Einparken neben der Zapfsäule endete mit einer starken Delle im Frontbereich. Das anschließende schnelle rückwärtsfahren rundete das neue Fahrzeugdesign im Heckbereich vollens mit weiteren Einbuchtungen ab.

Gut, jetzt oder nie. Sobald er aussteigt muss ich ihn wohl ansprechen. Wo war der Dienstausweis nochmal? – Stimmt, natürlich im Rucksack. Doch wie das so ist, ich fand ihn natürlich nicht. Ok, also ohne.

„Guten Abend, Polizei. Ich bin hinter ihnen hergefahren.“
„Hä? Wer bissu? Ich muss nur kurz in die Tankstelle, dann komm ich wieder.“
„Nein, sie bleiben hier. Wie heißen Sie? Haben sie ihren Führerschein o. ä. dabei?“

Erstaunlicherweise schien er mich wirklich für einen Polizisten zu halten. Ganz im Gegensatz zu den Jugendlichen, die mich misstrauisch von der anderen Seite beäugten. Ich gebe zu, Polizei ohne Ausweis in Jogginghose und mit dreckigem Pulli ist nicht so ganz alltäglich 🙂

„Gut Herr X, ich belehre Sie jetzt…[…]“
„Ich hab nicht getrunken!“
Doch, sie riecht man 2 Meilen gegen den Wind! Was haben Sie denn getrunken?
„Nur ein paar Bier. Aber mehr sag ich nicht.“
Und nach ein paar Bier fahren sie so Auto?
„Neee, ich habe ja eigentlich grauen Star und kann schlecht bis kaum gucken. Aber jetzt war das Bier alle und brauchte neues.“
Macht Sinn und dann fahren Sie einfach mal ne Runde in der Dunkelheit zur Tankstelle…
„Ja, es fährt ja nachts eh keiner.“
Fast, ja.

Zum Glück waren wenige Sekunden später die uniformierten Kollegen vor Ort.

Aus den paar Bier schienen doch ein paar mehr geworden zu sein, über 2 Promille pustete der gute Herr… 😉 Und das Ganze noch in Verbindung mit grauem Star (Trübung der Augenlinse) ist dann doch relativ ungünstig…

Ich bin Polizeibeamter in einem schönen Bundesland hier in Deutschland und habe mein Studium bei der Polizei wenigen Jahren erfolgreich abgeschlossen. Seitdem bin ich im Wach-und Wechseldienst (auch bekannt als Streifendienst) für die teilweise kuriosen Anliegen der Mitbürger da :) Vielleicht noch kurz zu der Entstehung meines "seltsamen" Nicknames: Bei dem Ausfüllen eines Formulars im Dienst ist mir ein folgeschwerer Rechtschreibfehler unterlaufen. Anstatt im Mängelzettel den defekten "Peiker" (unser Mikrofon im Streifenwagen sozusagen), hatte ich "Piker" geschrieben. Nachdem dieser Zettel von ein paar Kollegen entdeckt worden war, hatte sich der Fehler innerhalb kürzester Zeit wie ein Lauffeuer in der ganzen Wache verbreitet. Seitdem werde ich von vielen Kollegen nur noch mit meinem neuen Namen - "Piker" - angesprochen.